Pille statt Therapie?

ADHS soll jetzt früher mit Tabletten behandelt werden

Gemäß der neuen ärztlichen Leitlinie zu ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom) soll die medikamentöse Therapie mit dem Wirkstoff Methylphenidat (z.B. Ritalin® u.a.) schon bei Kindern mit mittelschweren Symptomen beginnen. Neben dem Einsatz der genannten Medikamente, sollen begleitend Verhaltenstherapie und Psychoedukation, also zum Beispiel Elterntrainings oder Interventionen, verordnet werden. Kinder im Vorschulalter sowie Kinder mit leichter Symptomatik sollen nach wie vor vorrangig verhaltenstherapeutisch behandelt werden.

Leitlinien als Orientierung für Ärzte

Grundsätzlich sollen Leitlinien den neuesten Stand der Wissenschaft abbilden und den behandelnden Ärzten entsprechende Therapieempfehlungen geben. „Wahrscheinlich wird sich in der Praxis für Kinder und Eltern gar nicht mal so viel ändern“, sagt Dr. Christoph Meinecke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. „Es ist schon heute so, dass viele Ärzte bei ADHS Medikamente verschreiben, auch wenn die Krankheit nicht so stark ausgeprägt ist. Durch die neue Leitlinie wird diese Praxis nun quasi ‚offiziell‘ gemacht. Banal ist das natürlich trotzdem nicht. Denn die neue Leitlinie ist eine Kapitulation davor, dass wir den betroffenen Kindern ohne Medikamente überhaupt noch gerecht werden können.“

Was ist (noch) normal?

So ruft die neue Leitlinie nicht wenige Kritiker auf den Plan. Schon heute kritisieren viele Experten, dass Medikamente zu vorschnell verordnet werden. Zumindest bei einem Teil der Kinder seien eher Überforderung und Stress für Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich, zum Teil seien diese im Rahmen der kindlichen Entwicklung auch normal.

„Um es kurz zu machen: Eine optimale pädagogische Begleitung ersetzt (in den allermeisten Fällen) Ritalin & Co. Es gibt nur wenige Kinder, deren Problematik so stark ist, dass man ihnen Psychopharmaka geben muss. In der Realität müssen wir uns aber auch eingestehen, dass das Umfeld eben pädagogisch oft nicht optimal funktioniert. Was wir brauchen, sind Therapien, Elterntrainings, Zusammenarbeit mit Lehrern und Erziehern, um ADHS ohne Medikamente gut zu behandeln. Und vielleicht noch wichtiger: In unserer Gesellschaft ist die Bereitschaft, den Kindern Entwicklungsräume zu geben, oft nicht vorhanden. Dabei wünschen wir uns ja alle, dass Kinder eine gesunde Selbstwirksamkeit ausbilden und lernen, sich selbst zu regulieren“, ergänzt Meinecke.

Problemfall Schule?

„Wir leben in einer Zeit, in der Kinder einem hohen Anpassungsdruck ausgesetzt sind, was sich eben auch im Verhalten zeigt“, meint auch Stefan Schmidt-Troschke, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV e. V. „Am meisten müssen sich Kinder und Jugendliche in der Schule anpassen. Stimulanzien werden heute schon in der 2. und 3. Klasse verordnet, also dann, wenn es um die Vorbereitung auf die höhere Schule geht. Gleichzeitig haben viele Eltern Angst, dass ihre Kinder den Anschluss verlieren könnten und damit Entscheidendes für das ganze Leben verpassen. Es ist doch paradox: Die Menschen werden dem Bildungssystem angepasst und nicht das Bildungssystem an die Bedürfnisse der Menschen! Dass es auch anders geht, wollen wir mit unserer Konferenz „EduHealth Summit“ am 25. Oktober 2018 in Mannheim zeigen – dort werden wir diskutieren, was es braucht, damit Bildung nicht krank macht.“

SAVE THE DATE!
Der EduHealth Summit – Konferenz für gesunde Bildungswelten
– findet am 25. Oktober 2018 in Mannheim im Vorfeld des EduAction Bildungsgipfels statt. Die Konferenz wird veranstaltet von GESUNDHEIT AKTIV e. V. und dem Berufsverband der Präventologen e. V. in Kooperation mit dem Bund der Freien Waldorfschulen.

Mehr Infos zu Programm, Referenten und Anmeldung finden Sie hier.

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Individuell entscheiden können

Kommt die Widerspruchslösung für die Organspende?

Die Bereitschaft der Deutschen, Organe zu spenden, nimmt nach wie vor ab. Das hat nicht nur, aber auch etwas mit den Skandalen rund um die Organvergabepraxis in den vergangenen Jahren zu tun, die das Vertrauen der Bevölkerung nachhaltig erschüttert haben. Dazu kommt, dass Experten zunehmend kritisch über den Hirntod als Todeskriterium diskutieren.

Einziges Ziel: Spenderzahlen erhöhen

Aber anstatt mit dieser Problematik offen und konstruktiv umzugehen, wird allein darüber debattiert, wie die Zahl der Spenderorgane erhöht werden kann. So auch wieder auf der Gesundheitsministerkonferenz im Juni 2018: „Wir müssen alle Kräfte mobilisieren, um den Negativtrend in Deutschland umzukehren“, fasste Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) die Debatte zusammen. Die Gesundheitsminister der Länder haben sich deshalb darauf verständigt, eine neue Debatte anzustoßen, die dazu führen soll, dass – wie in einigen anderen europäischen Ländern – auch in Deutschland die so genannte Widerspruchslösung eingeführt wird. Bislang gilt hierzulande die Entscheidungslösung. Außerdem sollen die Krankenhäuser besser ausgestattet werden, um die Entnahmepraxis in den Kliniken zu optimieren. 

Druck ist keine Lösung

„Das Vertrauen in die Transplantationsmedizin fehlt nach wie vor“, sagt Stefan Schmidt-Troschke, geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV. "Viele Menschen merken, dass sie nicht umfassend aufgeklärt werden und halten sich deshalb mit ihrer Entscheidung zurück, obwohl sie Organspenden grundsätzlich befürworten. Deshalb positionieren wir uns klar gegen die Widerspruchslösung, weil sie eine Automatisierung einer zutiefst persönlichen Entscheidung bedeutet. Es gibt nun mal keinen Anspruch auf Spenderorgane. Das müssen wir respektieren. Unsere Gesellschaft muss sich zutrauen, solche wichtigen ethischen Fragen wirklich ergebnisoffen zu diskutieren.“

Der Bürger- und Patientenverband macht sich deshalb schon seit vielen Jahren auf Kongressen und mit Kampagnen für eine offene und konstruktive Debatte stark. „In dieser Tradition haben wir auch unsere damalige Kampagne „WIR WOLLEN ALLES WISSEN“ entwickelt, die Menschen befähigen soll, eine selbstbestimmte und individuelle Entscheidung zu fällen“, so Schmidt-Troschke. Dafür hat GESUNDHEIT AKTIV auch einen eigenen Organspendeausweis herausgegeben. Die darin enthaltenen Aussagen berücksichtigen, dass es keine einheitliche Auffassung dazu gibt, wann ein Mensch wirklich tot ist.

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Wie soll ich mich entscheiden? Infos rund die Organtransplantation, Film- und Printmaterial sowie einen alternativen Organspendeausweis zum Ausdrucken finden Sie bei Kompetent entscheiden / GESUNDHEIT AKTIV

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Patienten: informiert = gestärkt

Patientenbriefe sollen verständlicher werden

Die Gesundheitsminister der Länder wollen Patienten stärker in den Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung stellen. "Der Patient muss verstehen, was und warum etwas mit ihm gemacht wird", sagte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) anlässlich der Gesundheitsministerkonferenz im Juni 2018. In diesem Zusammenhang haben die Gesundheitsminister der Länder einen ganzen Katalog an entsprechenden Maßnahmen beschlossen.

Schwerpunkt Arzt-Patienten-Kommunikation

Das Thema Kommunikation zieht sich als Leitmotiv durch viele der vorgeschlagenen Maßnahmen. So sollen Patienten alle wichtigen Untersuchungsbefunde und Behandlungsempfehlungen schriftlich und verständlich (!) mitgeteilt bekommen. Als ersten Schritt sprachen sich die Gesundheitsminister für einen Patientenbrief nach jeder stationären Behandlung aus. Bisher gibt es in der Regel nur einen Brief mit den Befunden für den behandelnden Hausarzt. Ärzte sollen zudem verpflichtet werden, neutrale Informationen über Nutzen und Risiken der sogenannten „Individuellen Gesundheitsleistungen“ (IGeL), die die Patienten selbst bezahlen müssen, zur Verfügung zu stellen.

Reformbedarf sehen die Länder auch bei der bislang geltenden Beweislast für Behandlungsfehler. Die Bundesregierung wurde aufgefordert zu prüfen, wie die Beweislast für die Patienten erleichtert werden kann. Der Bund soll auch Vorschläge für einen Härtefallfonds machen. In Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen sollen Patienten künftig besser vertreten sein.

Miteinander statt übereinander sprechen

„Immer noch wird zu oft am Patienten vorbei – und schlimmer noch: über ihn hinweg – gesprochen“, kommentiert Stefan Schmidt-Troschke, geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV. "Es ist daher ein gutes Zeichen, dass sich die Gesundheitsminister schwerpunktmäßig mit dem Thema Kommunikation beschäftigt haben. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind erste Schritte, um besser und verständlicher zu informieren. Wir können allen Patienten nur raten, von ihrem Recht Gebrauch zu machen und sich Briefe vom Arzt und Befunde mitgeben zu lassen. Unverständliches kann man sich zum Beispiel auf der kostenlosen Plattform ‚Was hab‘ ich?‘ übersetzen lassen.“

Praxistipp für Patienten

Sie haben einen medizinischen Befund und verstehen nur Bahnhof? Das Projekt „Was hab ich?“ hilft weiter: Medizinstudenten übersetzen Befunde in eine für Patienten leicht verständliche Sprache, kostenlos und anonym: www.washabich.de

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„Patienten sollen Arztbriefe verstehen“, Ärzte Zeitung, 22. Juni 2018

Menschlich & solidarisch

Rechtsstreit zugunsten der Solidargemeinschaft Samarita entschieden

Ein wichtiger Schritt: Im jahrelangen Streit um die Anerkennung der Samarita Solidargemeinschaft als Alternative zu Krankenkassen hat eine Kasse nun eingelenkt. Die Barmer wird den Wechsel einer ihrer Versicherten zur Samarita Solidargemeinschaft nicht länger verweigern. Damit erkennt die Kasse die Samarita als „anderweitige Absicherung“ im Krankheitsfall de facto an.

Durchbruch für Solidargemeinschaften?

„Die Anerkennung durch die Barmer bedeutet einen Durchbruch, von dem wir eine Signalwirkung auf andere gesetzliche Kassen erwarten, nun ebenfalls Mitglieder zu uns wechseln zu lassen“, kommentiert der Samarita-Gründer und Vorsitzender des Dachverbands von Solidargemeinschaften im Gesundheitswesen (BASSG) Urban Vogel gegenüber GESUNDHEIT AKTIV.

Kassen dürfen Versicherte laut Gesetz nur entlassen, wenn eine «anderweitige Absicherung» vorliegt. Solidargemeinschaften erfüllten diese Voraussetzung nicht, argumentierte die Barmer bisher. Unter anderem fehle ein dauerhafter Rechtsanspruch der Versicherten auf Leistungen. Doch dieser sei nun in der Satzung verankert.

Was sind Solidargemeinschaften?

Das Prinzip von Solidargemeinschaften ist einfach: Die Mitglieder bezahlen sich gegenseitig Behandlungen im Krankheitsfall. Seit den 1970er Jahren hat sich dieses Konzept bewährt: „Der solidarische und menschliche Umgang miteinander macht Solidargemeinschaften attraktiv“, erläutert Vogel den Zulauf für diese besondere Form der Absicherung. „Der Mensch und seine Gesundheit stehen eben im Mittelpunkt, es geht nicht anonym zu. Diese Erfahrungen teilen unsere Mitglieder ihren Freunden und Bekannten mit, das macht viele neugierig.“

Mit Einführung der Versicherungspflicht 2007 wurden Solidargemeinschaften explizit als dritter Weg der Absicherung – neben gesetzlicher oder privater Krankenversicherung – im Gesetz vorgesehen. Trotzdem gibt es seitdem Schwierigkeiten, die vollwertige institutionelle Anerkennung zu bekommen.

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Völlig verstrahlt?

Brisante Studienübersicht zur WLAN-Frequenz

WLAN ist überall. Oder zumindest fast. Zuhause oder unterwegs und vor allem in Krankenhäusern, Geschäften oder Cafés, im Nah- und Fernverkehr sowie an Schulen und Kindergärten - digitale Endgeräte sollen sicherstellen, dass Deutschland bei der Digitalisierung nicht den Anschluss verpasst. Dafür werden weiträumig Router und WLAN-Access-Points installiert, die über hochfrequente elektromagnetische Wellen Daten übertragen. Ob und wie sich das auf die Gesundheit auswirken kann, wird gerne ausgeblendet.

Umfangreiche Untersuchung

Nun liegt die bisher größte Auswertung von wissenschaftlicher Literatur zur WLAN-Frequenz vor. Diese Übersichtsarbeit (Review) dokumentiert mehr als 100 Studien, die Gesundheitsrisiken der Trägerfrequenz 2,45 GHz und der gepulsten Variante WLAN nachweisen. Untersucht wurden Auswirkungen unter anderem auf Fortpflanzung und Fruchtbarkeit, Gehirn und Gehirnentwicklung, Nervensystem und Verhalten, DNA-Schädigungen und Tumorrisiko sowie auf Organe (Herz, Leber, Schilddrüse).

WLAN-Strahlung begrenzen

Die gelisteten Studien zeigen: WLAN-Strahlung ist gesundheitsschädlich. Konzentrations-, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden können beeinträchtigt werden. Äußerst brisant ist auch, dass Schädigungen schon deutlich unterhalb der Grenzwerte aufgetreten sind: „Angesichts der Ergebnisse und der immer stärker auftretenden WLAN-Netze sollte die Zeit, der man WLAN-Strahlung ausgesetzt ist, begrenzt werden“, kommentieren die Autoren des Reviews. Vor allem Kinder sollten geschützt werden: „Die negativen Auswirkungen auf Lernen, Aufmerksamkeit und Verhalten begründen für Erziehungsinstitutionen aller Altersstufen einen Verzicht auf WLAN-Anwendungen.“

Auch die Initiative „Diagnose Funk“ warnt angesichts der Studienergebnisse: „Die Studienergebnisse zu den Risiken sind so brisant, dass sie nicht nur eine Vorsorgepolitik, sondern eine Gefahrenabwehr u. a. mit der Konsequenz erfordern: Kein WLAN an Schulen!“ Stattdessen sollten, wenn nötig, kabelgebundene Lösungen bevorzugt werden, um die Strahlenbelastung zu verringern.

Unbequeme Wahrheiten?

„Es ist schon erstaunlich: Die vorliegenden Studien deuten auf eine Gefährdung durch WLAN-Strahlen hin und trotzdem wird darüber kaum berichtet“, merkt Stefan Schmidt-Troschke an, geschäftsführender Vorstand von GESUNDHEIT AKTIV. „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es einfach unbequeme Wahrheiten sind, die wir ungern hören, sind viele von uns doch längst überall umgeben von WLAN. Wir sollten wachsam bleiben, ohne in Technikfeindlichkeit zu verfallen. Auch der Selbstversuch mit „Digitalfasten“ kann vielleicht die eine oder andere Einsicht bringen."

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„WLAN an Schulen - Ärzte warnen vor Risiken für Schüler und Lehrer“, diagnose funk

Isabel Wilke: "Biologische und pathologische Wirkungen der 2,45 GHz auf Zellen, Fruchtbarkeit, Gehirn und Verhalten". Sonderbeilage in Ausgabe 1-2018 / ISSN 1437-2606. Veröffentlicht am: 20.02.2018 in der Zeitschrift umwelt - medizin - gesellschaft